Die Diskussion über die Zukunft der gesetzlichen Rente in Deutschland bekommt neuen Stoff. Das Institut für Vorsorge und Finanzplanung, kurz IVFP, hat ein Reformpapier vorgelegt, das mehrere grundlegende Änderungen für die gesetzliche Rentenversicherung vorschlägt.
Unter dem Titel „Reformvorschläge zur GRV – Neue Ansätze für Versorgungsniveau, Renteneintritt und Systemgerechtigkeit“ präsentieren Prof. Dr. Thomas Dommermuth, Prof. Michael Hauer und Dr. Andreas Kick ein Konzept, das die Rentendebatte stärker an realen Erwerbsbiografien ausrichten soll.
Der Zeitpunkt ist nicht zufällig gewählt. Im Juni 2026 soll die von der Bundesregierung eingesetzte Alterssicherungskommission ihre Vorschläge zur langfristigen Stabilisierung der gesetzlichen Rentenversicherung vorlegen. Das IVFP will sich bereits im Vorfeld in die Debatte einschalten und eigene Impulse setzen.
Im Kern geht es um eine Frage, die viele Versicherte direkt betrifft: Reicht das bisherige Rentensystem noch aus, um unterschiedliche Lebens- und Arbeitsverläufe fair abzubilden?
Kritik am bisherigen Rentenniveau
Ein zentraler Punkt des Papiers ist die Kritik an der politischen Fixierung auf das allgemeine Rentenniveau von 48 Prozent. Diese Kennzahl spielt in der Rentenpolitik seit Jahren eine große Rolle. Sie basiert jedoch auf einem Modellfall: dem sogenannten Eckrentner.
Dieser Eckrentner hat 45 Jahre lang gearbeitet und in jedem Jahr exakt den Durchschnittsverdienst erzielt. Nach Ansicht des IVFP bildet dieses Modell die Realität vieler Menschen nur unzureichend ab.
Denn moderne Erwerbsbiografien verlaufen selten so geradlinig. Viele Menschen arbeiten zeitweise in Teilzeit, unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit, wechseln Branchen oder erzielen erst später im Berufsleben höhere Einkommen. Genau solche Entwicklungen werden im klassischen Eckrentner-Modell kaum sichtbar.
Das IVFP weist darauf hin, dass gerade Menschen mit akademischen Laufbahnen oder typischen Karriereverläufen mit später steigenden Einkommen im Ruhestand ein niedrigeres individuelles Sicherungsniveau erreichen können, als es das allgemeine Rentenniveau vermuten lässt.
Anders gesagt: Auch wer lange gearbeitet und viele Rentenpunkte gesammelt hat, kann am Ende eine spürbare Versorgungslücke haben.
Individuelles Versorgungsniveau soll wichtiger werden
Als Alternative schlägt das IVFP vor, künftig stärker auf das individuelle Versorgungsniveau zu schauen. Dabei wird nicht nur die Standardrente eines Modellversicherten betrachtet, sondern das Verhältnis zwischen der persönlichen Rentenleistung und dem Einkommen in den letzten Berufsjahren.
Diese Kennzahl soll besser zeigen, wie groß der tatsächliche Einkommensbruch beim Übergang in den Ruhestand ist.
Nach Ansicht der Autoren wäre das für Versicherte transparenter. Wer weiß, wie stark die eigene Rente vom letzten Erwerbseinkommen abweicht, kann früher erkennen, ob zusätzliche private oder betriebliche Vorsorge notwendig ist.
Das IVFP macht deutlich: Eine Person kann insgesamt 45 Entgeltpunkte erreichen und trotzdem ein vergleichsweise niedriges individuelles Versorgungsniveau haben. Das kann etwa dann passieren, wenn das Einkommen erst in den letzten Berufsjahren stark steigt. Die spätere Rente wächst dann nicht im gleichen Tempo mit wie das zuletzt erzielte Einkommen.
Deshalb plädieren die Autoren dafür, die Leistungsfähigkeit der gesetzlichen Rentenversicherung nicht länger nur an abstrakten Modellfällen zu messen. Stattdessen sollten reale Lebensläufe stärker in den Mittelpunkt rücken.
Perspektivisch könnte dabei auch die gesamte Altersvorsorge einbezogen werden — also neben der gesetzlichen Rente auch Ansprüche aus betrieblicher und privater Vorsorge. Als mögliche Datengrundlage verweisen die Autoren auf die Digitale Rentenübersicht.