Die deutsche Prominentenkultur unterscheidet sich in einem entscheidenden Punkt von der angloamerikanischen: dem Gebot der ostentativen Bodenständigkeit. Während in Hollywood oder London ein gewisser Glamour, Exzess und die Zurschaustellung von Reichtum zum guten Ton gehören, pflegt man in Deutschland den Mythos, auch als Star ein ganz normaler Mensch geblieben zu sein. Die erfolgreiche Schauspielerin, die im Interview betont, dass sie ihre Brötchen noch immer beim Bäcker um die Ecke holt, der Fußballstar, der nach dem Spiel heimlich die U-Bahn nimmt, die Sängerin, die auf dem Wochenmarkt unerkannt Äpfel kauft – diese Geschichten sind fester Bestandteil der deutschen Promi-Berichterstattung und werden vom Publikum dankbar aufgenommen. Der Wunsch, dass sich die Prominenten nicht zu sehr abheben, ist tief in der kulturellen DNA verwurzelt und führt zu einem besonderen Doppelleben der Stars, die zwischen öffentlicher Bescheidenheit und privatem Luxus balancieren. Diese Inszenierung von Normalität ist eine Meisterleistung des Marketings, denn sie erfüllt das Bedürfnis nach Identifikation, ohne den Status der Bewunderten zu schmälern.
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Der Grund für dieses Phänomen liegt in der deutschen Geschichte und Mentalität. Nach den Exzessen der NS-Zeit und der demonstrativen Bescheidenheit der Nachkriegsgeneration hat sich ein soziales Klima etabliert, in dem übertriebene Zurschaustellung von Wohlstand als vulgär und unanständig gilt. Wer protzt, erntet Missgunst und Neid, wer bescheiden auftritt, wird geachtet. Diese soziale Norm hat auch die Welt der Prominenten erfasst und einen spezifisch deutschen Star-Typus hervorgebracht, der lieber Hemd als Smoking trägt und beim öffentlichen Auftritt die Bodenständigkeit zur Schau stellt. Ausnahmen bestätigen die Regel, und wer es zu bunt treibt, wie manche Reality-TV-Teilnehmer mit ihren Luxuskarossen oder der demonstrativen Zurschaustellung von Markenartikeln, wird schnell zur Zielscheibe von Spott und Häme. Das Publikum goutiert den bescheidenen Star und bestraft den Angeber – ein Mechanismus, der die Promi-Kultur in ihrer spezifisch deutschen Ausprägung prägt.
Gleichzeitig existiert neben der Liebe zur Bodenständigkeit ein ausgeprägter Hunger nach Skandalen und Grenzüberschreitungen. Die Auflagen der Boulevardzeitungen und die Klickzahlen der Online-Portale zeigen, dass das Interesse am Privatleben der Stars, an Trennungen, Krankheiten und Abstürzen ungebrochen ist. Der Widerspruch zwischen dem Wunsch nach Normalität und dem voyeuristischen Interesse am Außergewöhnlichen wird in der deutschen Medienlandschaft täglich ausbalanciert. Die Stars müssen den Spagat meistern, nahbar genug zu wirken, um nicht abgehoben zu erscheinen, und interessant genug zu sein, um die Klatschpresse zu füttern. Wer dieses Gleichgewicht verliert, rutscht entweder ins Triviale ab oder wird als abgehobener Snob abgestempelt. Die Kunst des Promi-Seins in Deutschland ist daher eine hohe Schule der Selbstinszenierung, die deutlich mehr Fingerspitzengefühl erfordert als der plakative Glamour à la Hollywood.